Mit 'Verbrauchertäuschung' getaggte Einträge

Der goldene Windbeutel 2012

Saufutter: Mirabellen ohne Mirabellen, Margarine als Medizin, Hackfleisch mit Wasser gesteckt… Noch vier Tage läuft die Aktion Goldener Windbeutel von Foodwatch, bei der die Teilnehmer die größte Verbrauchertäuschung wählen.

Die sechs Vorschläge sind alle krass, sodass es mir schwerfällt, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Ich tendiere zu der Becel-Margarine-Cholesteringeschichte, weil der Konzern hier mit der Angst der Menschen spielt, und Dinge marketingtechnisch vermischt, die man getrennt verkaufen sollte: Essen im Supermarkt, Medizin in der Apotheke. Wer seinen Cholesterinspiegel senken will, soll eben weniger fett kochen und essen. Und kranke Menschen brauchen einen Arzt und keinen Werbefritzen.

Interessant fand ich, dass ein Hersteller, Hipp, bereits auf die Windbeutel-Nominierung reagiert hat, und einen gezuckerten Kindertee vom Markt nehmen will.

Windbeutel sind übrigens etwas Köstliches.

Saufutter: Hefeextrakt ist ein Geschmacksverstärker

Saufutter: Die Verbraucherzentrale Niedersachsen hat sich 151 Lebensmittel mit sogenannten Clean Lablen angesehen. Diese Hinweise auf Verpackungen besagen, dass das Produkt keine Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder Geschmacksverstärker enthält, je nach Lable. In vielen Fällen fanden die Prüfer in den Nahrungsmitteln aber Ersatzstoffe, die zwar die gleiche Wirkung haben, aber nicht unter die entsprechende Verordnung fallen.

Das krasseste Beispiel finde ich immer wieder Hefeextrakt, der laut Gesetz nicht zu den Geschmacksverstärkern zählt, aber dennoch zu einem guten Teil aus Glutamaten besteht, wie alle anderen Geschmacksverstärker auch. Im Gegenteil, das Lebensmittellexikon schreibt: “Autolysierte Hefeextrakte dienen zudem als primäre Quelle für Mononatriumglutamat”. Daher zu behaupten, Hefeextrakt sei kein Geschmacksverstärker, ist eine böse Täuschung, selbst wenn sie in einem rechtlichen Rahmen stattfindet. Die Verbraucherzentrale ermittelte auf den Zutatenlisten von 68 von 74 Produkten, die als ohne Geschmacksverstärker gekennzeichnet waren, Hefeextrakt, darunter Maggi fix&frisch Tomaten-Zucchini Gratin, Frankenberg Gourmet Snack Knuspriges Kartoffelrösti, Poté Edelpilzcreme Suppe und Erasco Heiße Tasse Hühnersuppe.

Was mich weniger stört, sind Zitronensäure oder Essig als Ersatz für Konservierungsstoffe. Während Glutamate bei Verbrauchern verpönt sind, Hefe hin oder her, verstehen sie unter Konservierungsstoffen eher Benzoe- oder Sorbinsäure, bei denen es gesundheitliche Bedenken gibt. Gegen Zitronen oder Essig hat, außer vielleicht geschmacklich, niemand etwas einzuwenden. Ein PDF mit weiteren Beispielen findet sich auf der oben angegebenen Webseite.

Pressfleisch statt Schinken

Dass billiger Schinken aus Pressfleisch besteht, ist allgemein bekannt. Das heißt, der Hersteller klebt Fleischreste zu Formfleisch zusammen. Soweit so gut oder schlecht, solange es auf der Schachtel steht. Dass das oft nicht der Fall ist, hat nur der NDR herausgefunden. In vielen Lebensmittelmärkten findet sich Nuss- oder Lachsschinken, der sich in der Analyse als Pressfleisch herausstellte. “Einige Hersteller, darunter die Großfabrikanten Wiltmann und Berschneider, setzen bei den von Markt getesteten Schinken also offenbar darauf, kleinere Fleischstücke zu ganzen Schinkenscheiben zusammenzukleben. Das gleiche Ergebnis auch bei geräuchertem Putenlachsschinken von Gutfried”, heißt es in der Meldung. Wen hätte es gewundert, muss man leider sagen.

ESL-Milch: Frisch oder nicht frisch, das ist hier die Frage…

Kennt Ihr das auch? In Supermärkten findet man immer öfters frische Milch mit Bezeichnungen wie  „länger frisch“, „maxifrisch“ oder „extra langer Frischegenuss“. Dabei handelt es sich um so genannte ESL-Milch, die zwischen pasteurisierter und H-Milch angesiedelt werden muss, aber nur als pasteuriesierte Milch gekennzeichnet sein muss. Das ist eine Verbrauchertäuschung, und so hat die Verbraucherzentrale Niedersachsen kürzlich gefordert, die neue Baukastenmilch besser zu kennzeichnen. ESL steht für Extended Shelf Life, langes Leben im Regal. Ich finde diese neue Milch höchst unangenehm, denn sie wird nicht sauer, sondern bitter beim Umkippen. Wie H-Milch also. Kurz zu den Verfahren:

- Vorzugsmilch: Unbehandelte Milch, im Supermarkt aber normalerweise selten erhältlich.

- Pasteurisierte Milch (Landmilch/Vollmilch): Die wurde 30 bis 40 Sekunden auf ciraca 75 Grad erhitzt. Dabei sterben viele, aber nicht alle Keime ab. Deswegen hält sie sich nicht sehr lange und wird dankbarer Weise sauer. Ein natürlicher Vorgang.

- H-Milch: Wird wenige Sekunden auf 135 Grad erhitzt, ist weitgehend keimfrei und lange haltbar. Nachteil, sie hat einen Kochgeschmack und wird eben bitter.

- ESL-Milch: Hier gibt es zwei verschiedene Verfahren. Das eine ist Erhitzen von wenigen Sekunden auf 127 Grad, es entsteht der Kochgeschmack von H-Milch. Beim zweiten Verfahren wird Magermilch filtriert, dann mit Sahne versetzt und schließlich auf 75 Grad erhitzt, sodass der Milchgeschmack unverändert bleibt. Beides ist und bleibt ein Kunstprodukt. Vorteile davon hat nur der Händler, der die Packungen länger stehen lassen kann.

Pringles-Chips Verbrauchertäuschung

Da hat es mir ja grad eben die Sprache verschlagen, als ich passend zum Spiel diese Packung Chips, SourCream & Ognion von Pringles, geöffnet habe. Man meint, die Dose wäre schon halb leer gefuttert. Der Zollstock zeigt knapp 2,5 Zentimeter von 8,5 Zentimetern Luft. Das entspricht 29,4 Prozent Luft auf das Volumen gerechnet. Bezieht man noch die gebogene Form des Chips-Turms mit ein und die nach untern abfallende Schichtung, ich habe an der höchsten Stelle gemessen, so wird der Mangel an erwartetem Inhalt noch erschreckender und nimmt bald die aufgeblasenen Ausmaße eines Regierungsprogramms an. Gibt es kein Gesetz, das vorschreibt, eine Verpackung muss zumindest annähernd voll sein? Ich werd die Verbraucherzentrale fragen.

Leider verschlägt es mir immer noch die ehrliche Sprache, da ich mir keine Abmahnung einhandeln will, um am Ende gezwungen zu werden, diesen Beitrag hier zu löschen… Aber ich glaube, die Bilder und Tatsachen sprechen für sich.

Aber mit einem literarischen Zitat möchte ich enden aus Zazie in der Metro von Raymond Queneau:
“(Zazie, ein kleines Mädchen vom Lande, wäre in Paris sehr gerne Metro gefahren, die Fahrer streiken aber leider. Das Taxi, das nun vor ihr steht, ist also auch eine Art Produktenttäuschung für sie.)
- Guten Tag, Kleine, sagt er (Charles, der Taxifahrer) zu Zazie, ohne sie anzusehen, und legte sich seine Veröffentlichung sorgfältig unter den Hintern.
- Ist dasn Rappelkasten, sein Taxi, sagt Zazie.
- Steig ein, sagt Gabriel (ihr Onkel), und sein kein Snob.
- Snob am Arsch, sagt Zazie.”



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