Château Bonneau von 1979 — ein Selbstversuch

Wein

Kann ein einfacher Bordeaux, zwar ein Haut-Médoc Cru Bourgeois, aber kein wirklich großer Name, kann so ein Wein nach 40 Jahren noch trinkbar sein, gar mit Genuss? Wir haben ernste Zweifel, die noch verstärkt werden, als wir die fragwürdige Lagerhistorie erfahren. Der Wein stand nämlich viele Jahre seines langen Lebens einfach aufrecht in der Küche eines heute auch anwesenden Freundes herum. Der hatte mich nicht ohne schlechtes Gewissen um Rat gefragt, ob so ein Wein unter derartigen Bedingungen noch trinkbar wäre. Auf diese Frage gebe ich immer die gleiche Antwort: Man weiß es erst, wenn man ihn probiert hat.

Die Verkostung des Sonderlings ist für alle Gäste des heutigen Abends ein denkwürdiger Moment, und eine ehrfürchtige, gespannte Still breitet sich aus, als die Flasche dann auf dem Tisch steht und alle Freunde sich mit ihren Gläsern in der Hand im Kreis drum herum aufgereiht haben: Was wird passieren, wenn der Korken herausploppt?

Meine Problem als derjenige, der mit dem Korkenzieher in der einen Hand die Flasche vorsichtig in die andere Hand nimmt, war dabei eher: Ploppt der Korken überhaupt oder zerbröselt er im Flaschenhals inwendig? — Aber er hält tapfer bis auf das letzte Fünftel, das unten abreißt, aber zum Glück keine Brösel in der dunklen Flüssigkeit am unteren Ende des Flaschenhals hinterlässt. Das Haarsieb kann ich beiseite legen.

Ein so alter Wein wird nicht gelüftet, sondern sofort auf Gläser verteilt und probiert, denn oft hat er nur ein paar Minuten lang ein beseeltes Bouquet und verfällt dann rasant und scharf schmeckend dem Essig und der Oxidation. So ist es denn auch. Ein paar Minuten strömt ein betörender Bordeaux-Duft aus dem Glas, wie eine Blüte, die sich kurz öffnet. Plötzlich löst sich die Stimmung in unserer Runde und wir diskutieren darüber, was wir riechen und schmecken. Der eine findet Zimt, der andere getrocknete Pflaumen oder Datteln. Über das edle Barrique sind sich alle einig und der Bonneau von 1979 hinterlässt uns einen deutlichen Eindruck seines alten Charmes. Ein bisschen Phantasie gehört dazu, ein paar Schlücke mit Ehrfurcht, dann geht er dahin und ein immer deutlicher sich durchbeißender Essigstich befördert seinen Rest in Kochweinecke.

Dennoch sind sich alle Anwesenden einig, dass der kurze Genuss bedeutender erschien, als erwartet. Wir fanden edle Aromen, einen feinen Geschmack und eine große Erleichterung, dass der Inhalt der Flasche noch nicht komplett verdorben war und seinen Sinn und Zweck nicht verfehlt hat, trotz sämtlicher widriger Umstände, eine Erleichterung ähnlich wie nach dem Besuch eines als schwierig geltenden Films, bei dem einen vorher begründete Bedenken quälen, dass er einem gefällt. Dann war es aber doch, obwohl die Bedenken sich zum Teil bewahrheitet haben, insgesamt ein toller Abend.

 

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