Entschuldigung, lieber Pinot Noir!

Wein

Es gibt eine Geschichte von Solon, einem der sieben Weisen des Altertums, in der er vom reichen König Krösus gefragt wird, wer der glücklichste Mensch sei. Das glückliche Leben ist einer der zentralen Gedankenkreise der antiken Philosophie. Von Solon stammt die älteste mir bekannte Antwort. Solon nennt dem Krösus ein paar Beispiele von glücklichen Personen, die ein erfülltes Leben geführt haben und ein ruhmreiches oder zumindest friedvolles Ende fanden. Jedenfalls tut er Krösus nicht den Gefallen, ihn, den reichen König, als glücklichsten Menschen zu nennen. Denn, erst wenn man das Ende kennt, kann man das Glück eines Lebens bewerten.

Man kann Glück auch anders definieren und die Antike hat das später auch ganz anders getan, aber diese Geschichte ist mir eingefallen, als ich letztes Wochenende einen bislang von mir kläglich unterschätzten, fränkischen Spätburgunder öffnete, die letzte Flasche, wie ich nun bedauere, und recht schnell von tiefen Gewissensbissen angefallen wurde. Denn ich hatte zehn Jahre schlecht über ihn gedacht und sogar schlecht über ihn geschrieben. Nun muss ich mich entschuldigen, lieber Spätburgunder, öffentlich. Aus dem Divino Piont Noir der Winzergenossenschaft Nordheim ist im Alter von zehn Jahren ein wunderbarer Wein geworden, der sämtliche Jugendsünden abgelegt hat. Er ist harmonisch und rund, Alkohol, Süße und Holz sind nicht mehr renitent, sondern haben sich fein zusammengefügt. Er ist immer noch von süßen Aromen getragen (Trockenbeeren, Datteln, Tropenholz), aber der pappige Zuckerbäckergeschmack ist zurückgetreten.

Regel: Denke nicht schlecht von Wein, bevor Du sein Ende kennst … und schreibe schon gar nicht schlecht … oder, um es mit Solon (nach Herodot) zu sagen: „Bevor er aber gestorben ist, soll man sein Urteil zurückhalten und ihn nicht glücklich nennen.“

Göttlicher Franke

Wein

Göttlich ist zumindest der Name, Divino, „Pinot Noir“ 2003 von der Winzergenossenschaft Nordheim. Als ich diesen Wein 2005 das erste Mal probiert habe, war er von einer extremen Fassnote und extremem Alkohol geprägt, denn er bringt immerhin 15 Prozent auf die Waage, so stark wie mancher Sherry. Inzwischen sind dreieinhalb Jahre vergangen, Zeit wieder einmal Nase und Zunge reinzuhängen. Der hohe Alkoholgehalt ist geblieben, wirkt aber nicht mehr ganz so dominant. Die Fassnote ist inzwischen sehr schön eingebunden, obwohl der Wein durchaus noch jugendliche Züge trägt, schönes Rubinrot mit ganz zart orangenen Rändern, intesiver, reiner Duft, frische Noten (Kirsche) mischen sich mit älteren (Trockenobst, Pflaume, Dattel), Fleisch, Holz, der Auftakt ist bissig von den Tanninen und definitiv nicht von der Säure, denn die fehlt komplett. Wohl ein Problem des 2003er Jahres und ein echter Mangel an diesem sonst sehr guten Wein. Feurig mit deutlicher Süße, lang und wie gesagt, leider etwas zu flach. Wenn die Gerbstoffe abgebaut sind, hat er sicher mehr den Charakter eines Süßweins. So ordne ich ihn jedenfalls nun ein.

Winzergenossenschaft Nordheim Divino Pinot Noir 2003
Deutschland/Franken

Rot; Spätburgunder
15 % Alkohol, Barrique-Ausbau