Brogsitter verklagt den Feinschmecker

Bloggen und Medien, Kost

Weil dem Haus Brogsitter eine Kritik des Restaurants Sanct Peter in Neuenahr-Ahrweiler im Feinschmecker nicht gefallen hat, geht die Weinhandelsfirma nun gerichtlich gegen den Jahreszeitenverlag vor, berichtet der Mediendienst Meedia. Grund: Die Testerin habe statt von allem zu probieren nur viel Wein getrunken. Was mich an der Sache wundert, ist, dass Brogsitter den Fall nicht totschweigt, selbst wenn der Text ungerecht sein sollte. Es wird schwierig sein, wirklich zu beweisen, wer wie viel gegessen hat. Außerdem gelingt es ganz selten, eine Kritik in den Medien gerichtlich aus der Welt zu schaffen. Da gibt es nur verletzte Persönlichkeitsrechte, falsche Tatsachenbehauptungen, glatte Lügen also, oder die Schmähkritik. Dafür müsste der Artikel aber tief in die Unratkiste gegriffen haben, was ich mir nicht vorstellen kann. Eine einfache Gegendarstellung stünde Brogsitter vielleicht ja offen.

Brogsitter wird das Gegenteil von dem bewirken, was die Firma erhofft: Die Geschichte aus der Welt zu bringen. Statt ein paar Tausend Leuten, die nun meinen, Sanct Peter sei schlecht, werden es ein paar Zehntausend meinen,  wenn der Rechtsstreit publik wird. Dann geht es nicht mehr um die Sache selbst, sondern um den Streit.

Immer teurer — Ende des Qualitätsjournalismus

Bloggen und Medien

Die aktuelle Zeit bejammert auf Seite Eins das Ende des Qualitätsjournalismus, der mit den Tageszeitungen stirbt. Schuld sind Online-Dienste wie die Huffington Post in den USA, die nichts für ihre Artikel bezahlen, von Bürgerjournalisten und Bloggern leben und in erster Linie  von den klassischen Medien abschreiben, die wiederum teure Korrespondenten in aller Welt bezahlen müssen. Damit nicht genug, stehlen kostenlose Medien den Althergebrachten immer mehr Leser, minus 2,5 Prozent im Jahr, und immer mehr Werbekunden, minus 10 Prozent. Der Artikel findet sich im übrigen nicht auf Zeit-Online.

Soweit die Analyse, die zwar nicht neu, aber richtig ist, jedoch für meine Begriffe nicht den Schluss zulässt, den der Artikel zieht, nämlich dass gute journalistische Berichterstattung mit dem Nachrichtenmonopl der klassischen Medien fällt. Es wundert mich vielmehr, dass so ein Bild aus einem Holzbrinck-Medium kommt, wo dieser Verlag einer der ersten war, der nachhaltig in neuen Medien investiert hat und sich Glanzlichter wie Chefkoch.de oder StudiVZ leistet. Von StudiVZ weiß wirklich niemand, wie es sich einmal finanzieren soll, im Gegensatz zur Community MySpace, die gerade zum Musikhändler mutiert.

Ein paar Gedanken dazu:

– Inzwischen schreiben auch klassische Medien gerne bei Online-Medien ab. Blogs aus dem Ausland sind neben Korrespondenten eine gerne gelesene und oft auch freizügig zitierte Quelle. Bei Fachmedien umso mehr, aus dem Computer- und Weinbereich kenne ich das gut.

– Online-Medien ziehen immer mehr Leser, aber auch Geld an sich. Für Werbetreibende ist es effektiver online zu werben, da es genauer die Zielgruppe trifft und der Rücklauf sehr klar festzustellen ist.

– Ich bin überzeugt, dass bald Korrespondenten nicht mehr nur für den gedruckten Teil eines Mediums arbeiten werden, sondern für den gesamten Titel, on- und offline, so ist es bei vielen eh schon. Auch die Finanzierung wird sich splitten, online dabei zunehmend ab Bedeutung gewinnen.

– Medien wie die Huffingten Post werden über kurz oder lang für ihre besseren Berichterstatter etwas bezahlen müssen. Dass dieses Medium gelesen wird, ist für mich eher ein Zeichen dafür, dass mit der Qualität der klassischen Medien etwas nicht stimmt. Gerade deren immer so hoch gelobte lokale Berichterstattung ist oft unkritisch und mau.

– Fazit: Journalistische Qualität verlagert sich, aber geht nicht mit der Zeitung ein. Gefahren für die Qualität sehe ich weniger durch die Verlagerung an sich, sondern durch die Form. Etwa wenn Christiane zu Salm, Cross-Media-Vorstand bei Burda, auf die Frage: „Wie bringen Sie die Profite dann zum Sprudeln?“, sagt:  „Indem wir Commerce, Inhalt und Monetarisierung zusammenbringen. Im Hause Burda bauen wir die Vermarktungsplattform der Zukunft. Wir bündeln so Zielgruppen, verknüpfen Print, Online-Auftritt und E-Commerce. Wer dann auf die Homepage von ‚Elle‘ klickt, kann vielleicht eine Designertasche kaufen. Oder bei ‚Meine Familie & ich‘ Tischdekoration und Küchengeräte bis hin zur Bratpfanne.“ Da ist der Schritt zur Schleichwerbung nicht weit, die ich für eines der Hauptübel des Online-Journalismus halte.

– Besser gefällt mir dieses Zitat aus dem Interview: „Von alten Denkhaltungen müssen wir uns verabschieden. Es werden diejenigen verlieren, die sich hinter ihren Mauern verschanzen, die digitale Welt nicht verstehen, die nicht sehen wollen, wie das Netz die Welt verändert.“

– Also liebe Zeit, Kopf hoch, es zeigt niemand mit dem Finger auf Euch, wenn mal ein Artikel von Euch online steht. Die, die so was stört, finden es eh nicht. Und das Bildugsbürgertum wird auch jünger 🙂

Nachtrag: In jetzt-online ist noch ein lesenswerter Beitrag von Heribert Prantl zum Thema.

Presse- statt Brunello-Skandal?

Wein

Die italienische Weinzeitschrift Merum wirft der Presse vor, aus dem Brunello- einen Presseskandal gemacht zu haben. Denn in Wirklichkeit handle es sich um zwei Skandale (wie wir eigentlich schon wissen), die in den Medien zu einem vermischt worden seien. „Die Lektüre der Berichte in der deutschsprachigen Presse lassen jedoch vor allem darauf schließen, dass bisher noch keine Redaktion in der Lage war, eigene Recherchen anzustellen.“ (geschrieben gestern, am 15.April!)

Als Beleg liefert Merum in erster Linie einen Bericht der Schweizer Zeitung Blick. Diese ist jedoch, wie ich finde, nicht wirklich ein Maßstab für den Rest der Berichterstattung, denn sie bewegt sich auf Bild-Niveau. Ein Boulevard-Blatt. Ich hatte eher den Eindruck, dass die deutschen Medien sehr wohl die beiden Skandale getrennt behandelt haben. In der Überschrift lassen sich die beiden Reizworte „Brunello“ und „Salzsäure“ zwar geschickt mischen, aber im Text hatte ich bei keiner Publikation das Gefühl, sie hätte redaktionell Gift in den Brunello gerührt. Hier scheint mir eher, Merum-Chefredakteur Andreas März unsauber zu übertreiben. Sehr lesenswert sind hingegen die Details zum Giftskandal in seinem Kommentar.

In Montalcino haben inzwischen die Erzeuger Frescobaldi und Antinori die Vorwürfe zurückgewiesen. Um Banfi hingegen ist es seltsam still. Den Namen Biondi-Santi habe ich einmal gelesen (bei Wein Plus), das war wohl wirklich eine Ente. Ein schönes Interview mit Eberhard Spangenberg (Garibaldi/Slow Food) gibt es in der SZ, er hofft: „Der Skandal könnte aber auch einen positiven Einfluss haben. Winzer, die einen guten und ehrlichen Wein machen, könnten durch die Sache gestärkt werden.“ Das wäre doch was.

Via Wein Plus

Bordeaux-Krieg: Weinblogger vs. Weinjournalisten

Bloggen und Medien

Derzeit tobt auf den Seiten von Planet Bordeaux ein Streit um einen Artikel in der Welt, der scheinbar ein paar Recherchemängel aufweist. Schnell ist wieder das Kriegsbeil ausgegraben und Blogger fallen pauschal über Journalisten her, während diese nichts besseres zu tun haben, als ihre alte Arroganz auszuspielen. Das ist eigentlich schade, denn beide haben viel gemeinsam. Ein paar Überlegungen von mir als „echtem“ Journalist und begeistertem Blogger:


Schlechte Recherche ist eine Frage der Persönlichkeit und nicht der Medienform. Wie genau der einzelne Schreiber hinschaut, ist meist in seinem persönlichen Ethos begründet. Da auch die Redakteure nicht alles wissen, rutsch ein schlecht recherchierter Artikel oft durch die Endkontrolle, sofern es die in Zeiten der Sparsamkeit überhaupt noch gibt. Man merkt sich im Laufe der Zeit die Namen der Journalisten oder Blogger, denen man vertraut.

Beide Medienformen sind nicht unabhängig, man sollte wie immer die Struktur des einzelnen Mediums kennen. Kaum ein Medium wagte es noch, einem großen Anzeigenkunden einen Skandal reinzuwürgen. Noch schlimmer: offene Schleichwerbung ist im Bereich der Fach- und Publikumszeitschriften Gang und Gäbe. Auch bei Blogs gibt es viel mehr Schleichwerbung, als allgemein vermutet, so dass es schon einen Fachbegriff dafür gibt: Virales Marketing. Ein Blogger sollte bei Produktbeschreibungen immer eine kritische, satirische oder ironische Note mit hineinbringen, um diesem Verdacht zuvorzukommen. Selbst wenn der Wein noch so gut geschmeckt hat.

Beide Gruppen sind auf einander angewiesen. Alle Journalisten, die ich kenne, verwenden Blogs inzwischen als Quelle der Recherche. Umgekehrt verwenden sie immer öfters selbst dieses Medium, um sich jenseits der Interessen ihrer Verleger austoben zu können. Unbedarftere Kollegen fühlen sich vielleicht in ihrer Existenz bedroht, wenn plötzlich alle schreiben können. Das sehe ich aber als unbegründet, denn eine gewisse persönliche Qualität schafft immer einen Vorsprung egal in welchem Medium. Man sollte dann eher Wert auf eine gute Recherche legen.

Die Trennung zwischen professionellen und Bürgerschreibern wird immer weiter verwischen. Z.B. plant ein großer Verlag unter dem Namen Zoomer (nicht Zoomr) eine kommerzielle Newsseite, auf der sich Beiträge „echter“ und Laienjournalisten mischen.

Die Unterschiede werden instrumentalisiert. Wer sich selbst zu sehr vom „Blogger“ oder „Journalisten“ scheiden will, zeigt damit, dass er entweder zu viel Respekt vor dem anderen hat, etwa weil er in dem anderen einen Mangel seiner eigenen Fähigkeiten erkennt, oder weil er ein Interesse damit verfolgt (lest mich!) Beides finde ich falsch. Von einem Winzer erwarte ich nicht, dass er schreibt wie ein junger Gott, und von einem professionellen Schreiber nicht, dass er den latinischen Namen jeder Reblaus kennt. Aber der Winzer sollte lesbar sein und der Schreiber so gut recherchieren, dass er keine groben Patzer macht. Den Journalist könnte beim Winzer seines Vertrauens nachfragen, welche Mistreblaus das nun schon wieder ist, und dieser könnte sich bei der Gelegenheit gleich erkundigen, wie man ein Interview strafft und zuspitzt.

– In eigener Sache: Hausmannskost bleibt reichhaltig, trinkfest, stilsicher und insbesondere nach wie vor nichtkommerziell.