Weinrallye 22: Bayernwein

Wein, Weinrallye

Winzerblogger Thomas sucht für die 22. Weinrallye regionale Spezialitäten in flüssiger Form. Damit meint er keinen Text, wie hoffentlich den folgenden, sondern Trinkbares, Regionales, unter Umständen Weinloses.

Hier in München, könnte ich natürlich erstmal über das Bier schreiben, wenn möglich über Augustiner, das meine Studentenzeit begleitete, speziell der etwas schneller in den Kopf steigende Edelstoff, gebraut von einer Münchner Brauerei, die komplett auf Marketing und internationalen Hofbräu-Ruhm verzichtet und sich mit dem nicht ganz kleinen Absatz begnügt, den die Münchner Trinker liefern. Sicher kein Investitionsmodell für Renditehaie, aber seit vielen Jahrhunderten nachhaltig stabil.

Natürlich könnte ich auch über Milch schreiben, insbesondere der Marke Weihenstephan, die jahrzehntelang für lokale, transparente  Qualität stand, bis sie vom umstrittenen Allgäuer Lebensmittelkonzern Müllermilch gekauft wurde, oder über Andechser Bio-Milch, deren Marke von einem fleißigen, TV-freudigen  Mönchlein deutschlandweit verbreitet wurden, sodass dieser gleich seine Kutte aufgab und Unternehmensberater wurde.

Den Gedanken, ob der Münchner süße Senf flüssig genug ist, um hier beschrieben zu werden, erspare ich uns, jedenfalls begleitet er die Münchner Weißwurst, die laut einem aktuellen Gerichtsurteil nach wie vor auch in Augsburg hergestellt werden darf, Gott sei Dank, denn im Münchner Umland ist sie oft weitaus schmackhafter, als in den traditionsreichen Münchner Innenstadtlokalen selbst. Zum Leberkäse essen übrigens nur die Japaner süßen Senf.

Über Münchner Wein schreiben könnte ich ebenfalls, da es einen kleinen Winzer am Ammersee gibt, der seine Trauben in Franken oder der Pfalz keltern lässt, aber noch keinen AC-Status erlangen konnte und wohl auch nicht beantragt hat. Bayerischer Wein kommt üblicherweise aus Franken und wird im mehreren Lokalen der Münchner Innenstadt ausgeschenkt, dem Ratskeller oder dem Vinorant. Um also aus der Weinallye eine Weinrallye zu machen, würde ich über einen Frankenwein schreiben, zum Beispiel einen Würzburger Stein 2006 vom Bürgerspital, eine trockene, volle, farb- und geruchsintensive Spätlese Silvaner, der fränkischsten aller fränkischen Rebsorten, mit wunderbaren mineralischen Zügen, mit jungen Zitrusfrüchten und Melisse, ein bisschen herb, oder mit schon reifen, südlichen Düften nach Mango und Melone, mit einer kräftigen und trockenen Säure und einem langen Nachhall am Gaumen.

silvaner21

Vielleicht schreibe ich einfach nur über das Münchner Wasser, das durch mächtige Röhren geleitet direkt aus den Alpen kommt, vorzugsweise aus der Mangfall, und den Flüssen des Voralpenlands zu ihrem natürlichen Ökosystem fehlt. Dafür schmeckt es kristallklar herausragend, ist immer kühl und mineralisch.

„länger haltbar“ und doch schon alt

Kost

Die taz berichtet, dass die Entscheidung über die Bezeichung von ESL-Milch nun gefallen ist: Sie wird mit „länger haltbar“ beschriftet, darf aber nach wie vor als Frischmilch gehandelt werden, obwohl sie, wie die taz eigens hervorhebt, bereits vier Wochen alt sein kann. Auch Bio-Milch gibt es übrigens in der ESL-Variante. Herkömmliche Milch heißt fürdehin „traditionell hergestellt“.

ESL-Milch: Frisch oder nicht frisch, das ist hier die Frage…

GenFood und JunkFood, Kost

Kennt Ihr das auch? In Supermärkten findet man immer öfters frische Milch mit Bezeichnungen wie  „länger frisch“, „maxifrisch“ oder „extra langer Frischegenuss“. Dabei handelt es sich um so genannte ESL-Milch, die zwischen pasteurisierter und H-Milch angesiedelt werden muss, aber nur als pasteuriesierte Milch gekennzeichnet sein muss. Das ist eine Verbrauchertäuschung, und so hat die Verbraucherzentrale Niedersachsen kürzlich gefordert, die neue Baukastenmilch besser zu kennzeichnen. ESL steht für Extended Shelf Life, langes Leben im Regal. Ich finde diese neue Milch höchst unangenehm, denn sie wird nicht sauer, sondern bitter beim Umkippen. Wie H-Milch also. Kurz zu den Verfahren:

Vorzugsmilch: Unbehandelte Milch, im Supermarkt aber normalerweise selten erhältlich.

Pasteurisierte Milch (Landmilch/Vollmilch): Die wurde 30 bis 40 Sekunden auf ciraca 75 Grad erhitzt. Dabei sterben viele, aber nicht alle Keime ab. Deswegen hält sie sich nicht sehr lange und wird dankbarer Weise sauer. Ein natürlicher Vorgang.

H-Milch: Wird wenige Sekunden auf 135 Grad erhitzt, ist weitgehend keimfrei und lange haltbar. Nachteil, sie hat einen Kochgeschmack und wird eben bitter.

ESL-Milch: Hier gibt es zwei verschiedene Verfahren. Das eine ist Erhitzen von wenigen Sekunden auf 127 Grad, es entsteht der Kochgeschmack von H-Milch. Beim zweiten Verfahren wird Magermilch filtriert, dann mit Sahne versetzt und schließlich auf 75 Grad erhitzt, sodass der Milchgeschmack unverändert bleibt. Beides ist und bleibt ein Kunstprodukt. Vorteile davon hat nur der Händler, der die Packungen länger stehen lassen kann.

Abgespeist: Trügerische Landliebe im Discount

Kost

Durch eine Pressemeldung wurde ich auf die Seiten der Lebensmittelaktivisten von Foodwatch aufmerksam. In deren aktueller Kampagne geht es gegen Landliebe Landmilch von Campina. Die Kämpfer für bessere Lebensmittel kritisieren, dass Campina für ein Qualitätsprodukt wirbt, den Mehrpreis aber nur in sehr geringem Umfang an die Bauern weiter leitet: „Den Mehrpreis von 50 Cent je Liter gegenüber Discounter-Milch begründe der Campina-Milchkonzern mit unüberprüfbaren Werbeversprechen wie ‚artgerechter Tierhaltung‘, ’strengen Kriterien der Babynahrung‘ und ‚ausgewählten Bauernhöfen‘. Weniger als ein Prozent davon kommt jedoch nach Foodwatch-Recherchen beim Bauern an. “

Gegenüber Spiegel-Online gestand eine Sprecherin von Campina ein, den Bauern nur 37 Cent pro Liter zu geben. Bei dem Aufpreis, den der Kunde bezahlt, wären laut Foodwatch aber 60 gerechtfertigt. Landliebe führt ferner kein Bio-Siegel oder ähnliches, so dass die Versprechen auch keiner staatlichen Kontrolle unterliegen. „Wer Landliebe-Trinkmilch kauft, bezahlt für ein ausgebufftes Marketingkonzept, nicht aber für bessere Milch“, ärgert sich Kampagnenleiterin Anne Markwardt. Wem es ebenso ergeht, kann sich an einer E-Mail-Protestaktion beteiligen.

Auf der Seite Abgespeist von Foodwatch finden sich weiterer Kampagnen. Zum Beispiel wirbt Maggi-Natur-Pur mit „Ohne Geschmacksverstärker“. Dem Produkt ist aber Hefeextrakt zugefügt, der durchaus glutamathaltig ist, aber nicht als Geschmacksverstärker deklariert werden muss.

Oder die sehr beliebte „Extra-Portion Milch“ von Kinderriegeln. Abgespeist hat ausgerechnet, dass ein Kind 13 Riegel für den täglichen Kalziumbedarf essen müsste „und hätte damit dann auch 48 Stück Würfelzucker und ein halbes Paket Butter verspeist.“ Gesund ist das wohl nicht.