Entschuldigung, lieber Pinot Noir!

Wein

Es gibt eine Geschichte von Solon, einem der sieben Weisen des Altertums, in der er vom reichen König Krösus gefragt wird, wer der glücklichste Mensch sei. Das glückliche Leben ist einer der zentralen Gedankenkreise der antiken Philosophie. Von Solon stammt die älteste mir bekannte Antwort. Solon nennt dem Krösus ein paar Beispiele von glücklichen Personen, die ein erfülltes Leben geführt haben und ein ruhmreiches oder zumindest friedvolles Ende fanden. Jedenfalls tut er Krösus nicht den Gefallen, ihn, den reichen König, als glücklichsten Menschen zu nennen. Denn, erst wenn man das Ende kennt, kann man das Glück eines Lebens bewerten.

Man kann Glück auch anders definieren und die Antike hat das später auch ganz anders getan, aber diese Geschichte ist mir eingefallen, als ich letztes Wochenende einen bislang von mir kläglich unterschätzten, fränkischen Spätburgunder öffnete, die letzte Flasche, wie ich nun bedauere, und recht schnell von tiefen Gewissensbissen angefallen wurde. Denn ich hatte zehn Jahre schlecht über ihn gedacht und sogar schlecht über ihn geschrieben. Nun muss ich mich entschuldigen, lieber Spätburgunder, öffentlich. Aus dem Divino Piont Noir der Winzergenossenschaft Nordheim ist im Alter von zehn Jahren ein wunderbarer Wein geworden, der sämtliche Jugendsünden abgelegt hat. Er ist harmonisch und rund, Alkohol, Süße und Holz sind nicht mehr renitent, sondern haben sich fein zusammengefügt. Er ist immer noch von süßen Aromen getragen (Trockenbeeren, Datteln, Tropenholz), aber der pappige Zuckerbäckergeschmack ist zurückgetreten.

Regel: Denke nicht schlecht von Wein, bevor Du sein Ende kennst … und schreibe schon gar nicht schlecht … oder, um es mit Solon (nach Herodot) zu sagen: „Bevor er aber gestorben ist, soll man sein Urteil zurückhalten und ihn nicht glücklich nennen.“

Weinrallye 32: Fränkisches Erdbeerbonbon

Wein, Weinrallye

Vorweg: Geht es Euch auch so, man kommt nach draußen, das Wetter ist ja ganz schön die Tage, und irgendetwas fehlt. Man merkt nicht genau, was es ist, nur ein unbestimmtes Gefühl, bis man in den Himmel blickt und feststellt, es fliegen keine Flugzeuge. Wir liegen nicht gerade in einer Einflugschneise, aber dennoch spüren und genießen wir die Ruhe. Geht Euch das auch so?

Aber nun zum Thema. Die 32. Weinrallye, ausgelobt von Iris vom südfranzösischen Weingut Lisson, hat die zickigste Weinsorte der Welt zum Thema, den Pinot Noir. Im besten Fall ergibt es den besten und teuersten Wein der Welt, den großen Burgunder, und im schlechtesten Fall den schlechtesten, einen faden, sauren Spätburgunder. Kaum eine Sorte umfasst solch eine Qualitätsspanne. Schlimm finde ich, dass die Kellermeister oft mangelnde Substanz im Pinot durch zu viel Alkohol oder Zucker ausgleichen wollen. Der schon vorgeglühte Kneipenbesucher mag drauf reinfallen, ich mag beides nicht.

Ausgesucht hab ich mir eine Flasche Nordheimer Vögelein von der Winzergenossenschaft Nordheim aus dem Jahr 2003. Er stellt gewissermaßen einen Zwitter dar, er hat die Substanz und war mir dennoch zu süß. Das ist wahrscheinlich dem Jahrhundertsommer 2003 geschuldet. Insgesamt ist er auf dem absteigenden Ast, die Räder gehen ins Ziegelrote und im Aroma findet sich schon etwas welkes Laub. Hinzu kommen Rauch, Erdbeeren, Cocktailkirschen, Rose. Im Geschmack ist er mild, opulent, wieder Erdbeere, etwas Hagebutte und Tomatenkonfitüre. Dass er ziemlich süß war, obwohl trocken auf dem Etikett steht, brauch ich nicht noch mal zu erwähnen. Als Ausgleich findet sich eine akzeptable, geschmeidige Säure, sodass der Wein durchaus noch gut trinkbar ist und nicht ohne Genuss, wenn man ihn als Bonbon mag. Leicht gekühlt schmeckt er am besten.

20. Weinrallye: Die Weine zu den Fischen

Kost, Wein, Weinrallye

Beitrag zur 20. Weinrallye.

In den letzen Wochen gab es hier ja eine ganze Reihe von Fischrezepten und anlässlich der heutigen Weinrallye möchte ich die passenden oder unpassenden Weine dazu vorstellen.

Zu den Bandnudeln mit Lachs-Spinat-Sauce gab es einen 2003er Barbera d’Asti von Icardi. Hier haben wir eindeutig mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Sowohl die Sauce als auch der Wein waren wunderbar, aber zusammengepasst haben sie nicht. Ich würde Barbera nicht prinzipiell zu Fisch ausschließen, aber der Icardi ist zu wuchtig, zwar (inzwischen) arm an Gerbstoffen und immer noch mit einer vollen Säure ausgestattet, aber die wuchtigen Aromen nach Trockenfrüchten, Kirsch, Tomaten und  Karamell haben nicht gepasst. Der Wein ist sehr reif, aber noch nicht am Ende. Hat mir gut gefallen, außer zum Fisch.

icardi

Zur Forelle Müllerin haben wir eine bessere Wahl getroffen, einen Beaujolais-Villages 2007 von Drouhin (wie spricht man nur diese Burgunder Eigennamen aus???). Frische beerig-würzige Aromen, ein leichter, aromatischer Wein, Kirsche, rote Johannisbeeren, frische Wacholderbeeren, Schokolade, die leichten Tannine konnten dem Fischfett und der Mayonnaise Paroli bieten, ohne zu stark zu dominieren. Mein Favorit zum Fisch.

beaujolais3

Zur Pizza mit Meeresfrüchten schließlich hatten wir zwei Kandidaten, einen Bardolino Classico 2007 von Zeni, der ebenfalls sehr gut mit dem Fisch harmonierte. Durch die Tomatensauce ist Rotwein natürlich von vorne herein ein dankbarer Partner zur Pizza. Dennoch gefiel mir der Bardolino auch insgesamt als Fischbegleiter ähnlich wie der Beaujolaise. Ebenso fruchtig-beerig im Charakter, Himbeere, Kirsche, Marzipan, mit einem leicht bitteren Tabakton. Auch hier haben die feinen Gerbstoffe nicht gestört.

Schließlich hatten wir noch einen No-Name-Spätburgunder (Warren Vertrieb) 2007 vom Discounter. Vom Charakter eher einfach, aber dennoch so voll und auch leicht süßlich, dass er eher wieder zu dominant für Fisch wirkte, nicht so krass wie der Icardi, aber eben auch nicht so harmonisch wie die anderen beiden. Leider habe ich vom dritten Abend keine Bilder.

Jetzt bin ich schon sehr gespannt auf Eure Beiträge.

Mit Mephisto aus der roten Hölle

Wein

Vor 200 Jahren erschien Goethes Faust. Das ist Grund genug, die folgende Flasche zu öffnen: Ein Faust-Tröpfle Spätburgunder 2005 aus Staufen im Breisgau, wo Faust angeblich sein Ende fand:

Was den Trinker erwartet ist jedoch feurig wie die Hölle selbst, so dass das Tröpfle eher mit Mephisto aus der Unterwelt gekommen ist, um das Homunculus zu erfreuen, als dass es in der kargen Gelehrtenstube den klaren Geist des Magister Faustus benebelt sollte. Denn am Anfang war die Kraft: mit 13,5 Prozent ist er nicht ganz ohne, hat aber genug Statur, um den Alkohol zu stützen. Hinzu kommt eine deutliche Süße, von der die Hexen der Walpurgisnacht noch heute schwärmen.

Die Farbe ist ein helles Kirschrot, die Aromen sind kräftig, sanfte Fasstöne, Karamell, rauchig, Kirschkompott, Cocktailkirsche, Erdbeere, Himbeere, Schokolade, Nougat, Zimt, Nelke, ausgeprägt mineralisch. Im Geschmack eine frische Säure, feurig, aber gut eingebunden, leicht süß, saftig, Johannisbeere, Rauch, weiche Tannine, rund, lang. Insgesamt eben recht feurig und süß, wird von den dichten Aromen aber getragen. Kein schlechter Wein, doch mein Geschmack ist er nicht. Heinrich, mir graut vor Dir…